der see und das volk

© 2018 Tofisch & Partner 'Oh, das ist einer der schönsten Plätze in unserem Land', sagt mir mein mongolischer Leidensgenosse während des langen Fluges von Deutschland in die Mongolei, auf meine Antwort, welche Region seines Heimatlandes ich zu besuchen beabsichtige.

Ziel meiner vierten Reise in das Land des Dschingis Khan und seiner Reiterhorden wird der Khövsgöl Aimag sein. Diese Provinz im Nordwesten der äußeren Mongolei hat ihren Namen vom Khövsgöl Nuur, dem größten Süßwassersee des Landes. Mit seinen Ausmaßen übertrifft er jegliche europäische Vorstellungskraft: 136km lang, 23km breit, 262m tief, auf 1645 m Seehöhe mit einem Fassungsvermögen von 383 km³ reinstem Trinkwasser, indem man einen Tiefblick bis 24m hat. Trotz der riesigen natürlichen Schönheit läuft ihm sein Nachbar, der Baikalsee den Rang in der Bekanntschaft ab. Gerade deshalb wollte ich diese Landschaften, die sich das Volk der Tsaaten dort nur mit Bären und Wölfen teilt, selbst erleben.

Die Suche nach diesem Volk hat bereits in der Hauptstadt der Mongolei Ulan Bator begonnen. Da die Tsaaten, eine Volksgruppe mit übriggebliebenen 60 Familien, der Rest hat sich oder wurde von der sozialistischen Regierung angepasst, züchten im schwer zugänglichen Gelände um den See Rentiere. Gegenüber den Yaks, die von mongolischen Nomaden in der Steppe gehalten werden sind diese Tiere Winter- und Kältebeständiger. Ihren wahren Vorteil zeigen die Rentiere aber im Winter bei Tiefsttemperaturen von 50°C, wenn sie bei ihren Wanderungen ohne zu zögern über steile Schneeflanken, Gletscher und Eisflächen spuren und den Tsaaten Milch spenden, die einen viermal höheren Fettgehalt als Kuhmilch hat und in ihrer Nahrungskette eine wichtige Position einnimmt. Durch die Höhe bedingt, weiden die Tiere ihre Futterstellen schnell ab und sie können nur durch einen raschen Wechsel der Weiden überleben. Die Tsaaten ziehen aus diesem Grund alle 2 Wochen um und leben deshalb nicht in Gers (Jurten), wie die Nomaden in der Steppe der Mongolei. Sie leben in Zelten aus Rentierhaut, die man mit den Tipis der nordamerikanischen Indianern vergleichen kann.

© 2018 Tofisch & Partner Ein Blick in ihr Gesicht lässt ihre Herkunft und Verwandtschaft mit den Inuit gleich erkennen. Die rauen klimatischen Bedingungen und das karge Leben lässt sie in ihrem Aussehen noch schneller altern, als die Nomaden in der Steppe. Geistig erhalten sich die Tsaaten, das auf mongolisch übersetzt Rentier heißt, durch praktizierenden Schamanismus. Die Schamanen der Tsaaten sind weit über die mongolischen Landesgrenzen und auch im russischen Sibirien bekannt für ihre starken und wirkungsvolle Kräfte und Medizinen. Von der Hauptstadt führte uns die Anreise mit schwer geländegängigen russischen Fahrzeugen durch den Bulgan Aimag über das Uran Togoo Nature Reserve zum Khövsgöl See. Wie auch die Mongolen sagen, sind hier die Straßen, was Mongolen auch immer als Straßen bezeichnen, die schlechtesten des Landes. Nach der Hälfte der Fahrt konnten wir diesen Fakt bestätigen und versuchten bei einem Trek auf den Uran Togoo Uul unsere durchgeschüttelten Knochen wieder in die richtige Position zu bringen. Am Gipfel des erloschenen Vulkans angelangt, entlohnt eine fantastische Weitsicht in die endlose sanfte Grassteppe kombiniert mit einer einzigartigen mongolischen Flora die erbarmungslose Anreise.

© 2018 Tofisch & Partner Doch bereits einen Ruhetag später werden wir schon wieder geschüttelt und wir stellen uns die Frage wie die Steppe bei ihrer Betrachtung nur so sanft aussehen kann. In Khatgal, einem kleinen Ort an der Südspitze des Sees angelangt organisieren wir einen Bootstransfer in die Nähe des Khuren Uul, wo wir unser Basislager aufstellen, um von dort aus unsere Trekkings zu machen. Wir erfahren auch, dass eine Tsaaten Familie sich unweit dieses Lagers die letzte Woche niedergelassen hat. Gleich am nächsten Tag nutzen wir ein Schönwetterfenster um einen Trek auf einen namenlosen Nachbargipfel des Khuren Uuls (3020m) zu erklimmen. Durch das weglose Gelände und die täuschende Weite der Landschaft lässt sich der Gipfel erst nach 5h Gehzeit bewältigen. Auch der steile Abstieg, den man in der Mongolei meist problemlos über einen anderen Weg wie den Aufstieg machen kann, fordert seine Opfer. Ein Ruhetag vor dem anstehenden Besuch der Tsaaten Familie kommt unseren Oberschenkeln sehr zu gute.

Den Anstieg zum Lager der Familie, den wir einen Teil auf Pferden zurücklegen konnten, war von landschaftlicher Einzigartigkeit. Während zahlreiche Adler über unsere Köpfe kreisen erreichen wir das kleine Zelt und können bereits die Rentiere vor der Behausung ausmachen. Ein ungewohnter Anblick, den wir fast nicht aufnehmen können, da wir von der sehr gastfreundlichen Familie in ihr Zelt zum Tee eingeladen werden. Neugierig schweifen unsere Blicke durch die Behausung und ihrer Einrichtung, beeindruckt schießt uns auch der Gedanke durch den Kopf welche glückliche, einfache und zufriedene Lebensweise wir hier miterleben durften.